Home / VON DER AUFGEHENDEN BLAUEN SONNE


Der Ort, an dem die Zeit nicht vergeht 

Juli 2008, irgendwo in der Mongolei. Ihre Rundreise durch die beinahe endlos erscheinende mongolische Steppe hat Anett Schumann zu einer Nomadenfamilie geführt. Wie schon vor hunderten von Jahren ziehen diese mit Pferden und Kamelen durchs Land und schlagen ihre traditionellen Jurten – das sind die für die Mongolei typischen kreisrunden Zelte der Wandervölker, die sie Ger nennen – dort auf, wo sie am Abend hinkommen. Die Mongolen sind für ihre Gastfreundschaft bekannt. So nehmen sie auch Anett gerne für eine Nacht auf. Während draußen zornige Winde über das karge, einsame Hochland toben und vom klaren Himmel Millionen von Sternen leuchten, versammelt sich die Familie ums Feuer und stimmt die altüberlieferten Steppenlieder ihrer Vorfahren an. Anett ist fasziniert – von der Herzlichkeit der Menschen und ihrer Bereitschaft, Obdach und Mahlzeit mit ihr, einer völlig Fremden, zu teilen, aber auch vom ungebrochenen Stolz der Mongolen auf ihr Land, ihre Kultur, ihre Traditionen. Wenn der alte Großvater vom großen Dschingis Khan erzählt, dann leuchten seine Augen im Glanze vergangenen Ruhms und der kleine Enkel spielt zufrieden die traditionelle Pferdekopfgeige. Die Menschen sind mit sich und ihrem Leben im Reinen, sind eins mit der Natur und mit ihrer Geschichte.

Eine Handvoll dunkle, fast schwarze Perlen 

Ihr unendlich wirkender Schatz an Legenden hält vor, bis sich draußen der Himmel schon langsam wieder lila färbt. Während die Mongolen erzählen, wird immer wieder ein besonderer fast nachtfinstrer Aufguss nachgeschenkt. Er schmeckt leicht bitter, ein wenig wie Assamtee aber doch irgendwie süßer – ganz fremd, auf eine gute Art. Er wird aus einer Hand voll Beeren gemacht. Klein sind sie, rund und schwarz, fast wie dunkle Perlen. Die Mongolen nennen sie Goji, aber auch Wolfsbeere, glückliche Beere oder Blaue Sonne. Sie werden schon seit Jahrhunderten in der traditionellen mongolischen Medizin angewendet. Eine Vielzahl von Leiden sollen sie heilen, Herzbeschwerden, Diabetes und Regelbeschwerden sind nur einige der Übel, gegen die die schwarze Goji wirken soll. Man wendet sie auch gerne bei Augenbeschwerden an, bei Trockenheit oder Netzhautblutung. Selbst den Kamelen kommt die Wunderbeere zugute: Glaubt man es, soll sie angeblich von Blindheit heilen. Und auch andere Tiere lassen sich die Beere schmecken. Krähen zum Beispiel sollen laut den Nomaden in der Mongolei 300 Jahre alt werden, weil sie die schwarze Kostbarkeit auf ihren Wegen zu sich nehmen. Sie sind ein Symbol für Langlebigkeit, auch weil sie ein Leben lang nur einen einzigen Partner haben. So schmackhaft und gesund soll die Beere sein, dass sich sogar Wölfe ab und zu davon ernähren – und das obwohl sie als Raubtiere sonst nur Fleisch zu sich nehmen. 

Die Anpreisung der Goji geht sogar noch weiter. Die Mongolen schwören auf die Beere als Jungbrunnen, setzen sie ein gegen Altersdemenz und Konzentrationsschwäche, Lust- oder Energielosigkeit. Die Nomaden sprechen vom Chi, der Lebenskraft, das durch harte Arbeit oder eine mangelhafte Ernährung abgebaut wird, und das die schwarze Beere hilft aufzufüllen. Darauf schwört auch heute noch die Stadtbevölkerung. Wenn sie ihre Verwandten auf dem Land besuchen, so nehmen sie stets auch einen Vorrat der kostbaren Beeren mit zurück, finden sie in ihnen doch einen natürlichen Ausgleich zum ungesunden modernen Leben, der Hektik des Alltags, dem stundelangen Starren auf grelle Bildschirme. 

Wild und kostbar 

Anett ist fasziniert von dieser Wunderbeere und lässt sich, bevor sie am nächsten Tag wieder aufbricht, von einem der Nomadenjungen zeigen, wo man die Beere finden kann. Was sie zu sehen bekommt, sind karge, mit Dornen besetzte Büsche, die sich in der unwirtlichen Natur des Hochlands mit einer bemerkenswerten Konstanz finden. An ihnen wächst die schwarze Beere völlig wild und die Nomaden pflücken die reifen Früchte, wann immer sie an einem Strauch 

vorbeikommen. Allerdings muss man dabei vorsichtig sein. Nicht nur die langen Dornen sind schmerzhaft. Die reifen Beeren selbst sind so zart, dass sie schon unter dem leichtesten Druck in der Hand aufplatzen. Ist die Ernte eingebracht, wird, was nicht direkt verzehrt wurde, behutsam in der Sonne getrocknet und später zu jenem Aufguss, von dem die Mongolen so viel halten. 

Allerdings müssen sich die Nomaden beim Pflücken an strenge Vorgaben der mongolischen Regierung halten, denn das Land, in dem sie sich bewegen, ist ein ansonsten völlig naturbelassenes Gebiet. So können stets nur begrenzte Mengen der schwarzen Gojibeere geerntet werden, um das empfindliche ökologische Gleichgewicht nicht zu stören. 

Leider wird der Wildwuchs der Beeren trotz dieser Schutzmechanismen mittlerweile von der wachsenden Industrialisierung, von Bergbau und Landwirtschaft bedroht. Diese greifen ins natürliche Ökosystem ein und führen so zu einer weiteren Austrocknung der ohnehin kargen Landschaft. So ist das Ernten der schwarzen Gojibeere auch davon geprägt, immer wieder neue Orte zu finden, an denen die seltene Pflanze noch gedeiht. 

Zurück in Deutschland 

Von ihren Gastgebern bekommt Anett zum Abschied eine Handvoll der kostbaren Früchte geschenkt. Doch, ein paar Beeren im Müsli oder als Aufguss im heißen Wasser – ihr kleiner Vorrat geht bald zur Neige. Dennoch ist sie beeindruckt, welche Wirkung schon diese kleine Ernährungsumstellung auf ihr Wohlbefinden hatte. Gesund zu essen ist ihr ohnehin ein Anliegen. Im August 2010 gründet sie daher ein kleines Start-Up für Naturkost und vertreibt vollwertige Müslis im handlichen Portionsbecher für unterwegs. Zusammen mit ihrem Mann wird daraus Naturkost Schulz – ein kleiner Betrieb, der Menschen wieder stärker zur ursprünglichen Nahrung zurückführen will. Immer wieder denkt Anett darüber nach, ob und wie sie auch die schwarze Wunderbeere nach Deutschland holen kann. 

Ehrliche Handarbeit 

Sie findet heraus, dass es diese neben der Mongolei auch noch in China gibt, sie aufgrund der dortigen Landwirtschaft aber kaum den Reifungsprozess erreichen, den die wildwachsenden Beeren in der Mongolei genießen. Außerdem sind die chinesischen Beeren durch die stark industrialisierte Landwirtschaft dort mit Pflanzenschutzmitteln und anderen Chemikalien belastet. Die mongolischen Gojibeeren hingegen sind durch ihren Wuchs in der wilden Natur völlig rein und unbelastet – mehr als jedes Biolebensmittel aus Deutschland. Hinzu kommt, dass die Ernte in der Mongolei für die Leute vor Ort zwar nur saisonale Arbeit ist, aber dafür überdurchschnittlich gut bezahlt wird. Die Erntehelfer sind zwischen 18 und 50 Jahre alt. Die Frauen übernehmen die Ernte, die Männer das Trocknen, Verpacken und Tragen. Mit dem Geld aus ihrer Erntetätigkeit können die Nomaden sich auf den harten Winter vorbereiten, ihren Kindern Schuluniformen und Bücher bezahlen; so könnte Familie Schulz den ländlichen Familien mit dem Import der mongolischen Goji auch noch eine helfende Hand reichen. 

Unvergleichlich rein und gesund 

Anetts Herz hängt ohnehin an der Mongolei und so lässt sie sich von der Nomadenfamilie eine weitere Probe senden, um Lieferprozesse zu testen und die Qualität der Beere nach ihrer langen Reifung zu prüfen. Außerdem möchte sie natürlich wissen, ob die schwarze Goji hält, was die Mongolen versprochen haben. Eines wird schnell klar: Dem mittlerweile massenhaft gehandelten Superfood, der roten Gojibeere ist sie weit voraus, auch wenn beide botanisch aus derselben Pflanzengattung stammen. Lebensmittelchemiker bestätigen: Die schwarze Gojibeere enthält 14 Mal mehr Antioxidantien als die rote Schwester. Und da sie wild wächst, ist sie tatsächlich gänzlich unbelastet von Pflanzenschutzmitteln oder sonstigen Umweltgiften. Im Vergleich zu anderen gesunden Lebensmitteln enthält die Gojibeere oder Blaue Sonne, wie Anett sie mittlerweile nennt, ein Vielfaches an Eisen, Calcium, Taurin, Niacin und Vitamin C sowie die bekömmlichen gesättigten Fettsäuren.

Wie der mongolische Sonnenaufgang 

Nun vollends überzeugt von der urtümlichen Kraft der Beere beginnt Anett mit dem Rest der Lieferung ein wenig in ihrer täglichen Ernährung zu experimentieren und entdeckt dabei noch einen spannenden Nebeneffekt der Beere. Während sie sich auch in Müsli oder Smoothies gut macht, ist Anett vor allem eine Liebhaberin des Gojitees. Als sie ihn mit ein wenig Zitrone verfeinern will, färbt sich das nachtblaue Getränk auf einmal violett. Dieser kleine Sonnenaufgang im Glas erinnert Anett an jenen, den sie damals aus dem kleinen Dachausschnitt der Jurte gesehen hatte. Sie fühlt sich wie Marco Polo, der mit Taschen voll Gold und Juwelen aus dem Reich des Khans zurückkehrte. Anetts Kostbarkeiten sind zwar kleiner, aber diese Blaue Sonne aus der Natur ist ihr mindestens genauso viel wert und wird damit fester Bestandteil ihres Naturkostsortiments.